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Pflanzenheilkunde

Heidelbeere (Vaccinium myrtillus)

Heidekrautgewächse

Abbildung 1. Heidelbeere (Blüte)
Abbildung 1. Heidelbeere, Stängel mit Blüte und Blatt.

 

Geschichte

Aus der Märchenwelt erfahren wir, dass Zwerge das Seltenste und Wertvollste in der Pflanzenwelt hegen und pflegen. Dort, wo sie aus und ein gehen – vor ihren Wohnungen – bedecken Heidelbeerbüsche voller blauer Beeren den Boden.

Im Mittelalter war die Äbtissin Hildegard von Bingen die Erste, welche die Heilwirkung der Heidelbeere beschrieb. Auch die Ärzte des Mittelalters wussten um ihren Nutzen und haben dies in ihren Büchern ausführlich vermerkt.

Botanischer Steckbrief

Heidelbeeren wachsen in Nord- und Mitteleuropa auf den Zwerg- oder Strauchheiden der Wälder und Moore auf saurem, torfigem Boden. In den Alpen gedeihen sie bis zu einer Höhe von 2500 m. Heidelbeersträucher sind im Sommer grün, sie haben geflügelte Äste, ihre Blätter sind 1–3 cm lang, fein gesägt und auf der Unterseite kahl. Sie verfärben sich im Herbst tiefrot und verlieren zum Winter ihre Blätter. Die kleinen glöckchenförmigen Blüten haben 4–5 zurückgeschlagene Zipfel, sie wachsen mit grünlicher bis blassroter Farbe einzeln in den Blattachseln und blühen von Mai bis Juni. Die blauen, so intensiv färbenden Beeren, reifen im August und September. Sie sind kleine Kugeln mit 5–8 mm Durchmesser und sehen immer leicht bereift aus. Ihr Fleisch und Saft sind dunkel gefärbt.

Arzneilich verwendet werden Heidelbeerblätter (Myrtilli folium), die Früchte als frische Beeren (Myrtilli fructus recens) und als getrocknete Heidelbeeren (Myrtilli fructus siccus). Die Blätter werden vor und während der Blüte gesammelt, die Beeren zur Zeit der Reife.

Abbildung 2. Heidelbeere (Früchte und Blätter).
Abbildung 2. Heidelbeere, Früchte und Blätter.

Signatur

Das Wort Vaccinium leitet sich vom lateinischen Wort bacca ab und bedeutet Beere, baccinium ist der Beerenstrauch, myrtillus hat ebenfalls lateinische Wurzeln und leitet sich von myrtus = Myrte ab. Die Blätter der Myrte und Heidelbeere ähneln sich sehr, die der Heidelbeere sind allerdings kleiner, also myrtillus. Im deutschen Namen Heidelbeere ist der Buchstabe „l“ eine Zugabe zur Heide, und zeigt, dass Heide und Heidel-Beere zusammen gehören.

Inhaltsstoffe und Wirkung

Sowohl die frischen als auch die getrockneten Heidelbeeren sind sehr gute Radikalfänger. Sie gehören zu den reichhaltigsten Quellen für natürliche Antioxidantien, die für viele der positiven gesundheitlichen Wirkungen mit verantwortlich sind.

Die getrockneten Früchte enthalten folgende wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe:

  • 5–12% Gerbstoffe, v.a. Arbutin
  • Pektin
  • Anthocyane, welche den Beeren die dunkle Farbe verleihen und antioxidativ, entzündungshemmend und gefäßschützend wirken
  • Flavonoide
  • Phenolcarbonsäuren
  • Provitamin A, Vitamine B1, B2, Panthotensäure, Nicotinamid, Vitamin C, E
  • Zitronensäure, Fruchtsäuren
  • Chrom, Kalium, Eisen

 Die Gesamtheit dieser Inhaltsstoffe hat folgende Wirkungen:

  • adstringierend, wodurch Durchfall und Entzündungen gehemmt werden (Gerbstoffe)
  • antibakteriell
  • binden Schwermetalle im Körper und helfen sie auszuscheiden
  • antioxidativ (Anthocyane, Polyphenole und Flavonoide)
  • fördert die Blutbildung (Eisen)
  • senkt Blutdruck und Cholesterin
  • stärkt das nächtliche Sehvermögen, schützt den Augenhintergrund
  • immunstimulierend

 Die getrockneten Beeren enthalten mehr Gerbstoffe und Pektine als die frischen und stoppen deswegen den Durchfall. Sie haben sich in der Praxis bei allen Arten von Durchfallerkrankungen, Gärungs- und Fäulnisdyspepsien und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Chron, Colitis ulcerosa) bewährt. Auch Schädigungen der Darmschleimhaut, wie sie bei Krebspatienten nach Chemotherapie oder Bestrahlungen auftreten, werden damit behandelt. Während der Darmpassage werden die Gerbstoffe der Heidelbeere aus ihrer glykosidischen Bindung freigesetzt, so dass sich die durchfallhemmende Wirkung erst in tieferen Darmabschnitten entfaltet – und der Magen geschont wird. Pektin unterstützt diesen durchfallhemmenden Effekt.

Heidelbeer-Muttersaft ist unverfälschter Saft aus den Früchten ohne Wasser- und Zuckerzusatz. Wer starken Durchfall oder eine Darmgrippe überstanden hat, sollte täglich 100–200 ml Heidelbeersaft trinken. Der dunkelblaue Farbstoff im naturbelassenen Heidelbeersaft bekämpft die restlichen Krankheitserreger und gibt den Darmschleimhäuten neue Kraft. Hier wirken Gerbstoffe und Anthocyane zusammen wie ein natürliches Antibiotikum. So intensiv wie der Farbstoff die Zunge färbt, so hartnäckig bekämpft er Bakterien und Keime im Körper. Auch bei häufigen, wiederkehrenden Blasenentzündungen empfiehlt es sich, regelmäßig Heidelbeersaft zu trinken. Der Heidelbeersaft verhindert das Anhaften der Bakterien an der Blasenwand, so wie es auch der Saft aus den nordamerikanischen Cranberrys vermag.

Die frischen Beeren wirken wegen des Gehaltes an Fruchtsäuren leicht abführend. Das merkt jeder, der beim Heidelbeerpflücken zu viele Beeren nascht. Besonders die Anthocyane, die dunklen Pflanzenfarbstoffe in den frischen Früchten, stärken das Sehvermögen bei Nacht und ganz allgemein die Abwehrkräfte. Obendrein unterstützen sie die Blutbildung, schützen die Blutgefäße und hemmen die Aggregation der Blutplättchen. Außerdem zeigen sie einen cholesterinsenkenden Effekt.

Anwendungsgebiete/Indikationen

Getrocknete Heidelbeerfrüchte werden angewendet bei folgenden Indikationen:

  • Durchfall, Colitis ulcerosa
  • Blasenentzündungen – regelmäßig Heidelbeersaft trinken
  • nachlassendes Sehvermögen, Nachtblindheit
  • entzündetes Zahnfleisch – mehrmals am Tag 1 EL Heidelbeeren zerbeißen, und 3 Min. auf das Zahnfleisch einwirken lassen
  • Antioxidans
  • Krampfadern

Fallbeispiel

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Herr S. liebte es, sich seinen Vorrat an Heidelbeeren jedes Jahr selbst zu pflücken und sie frisch oder als Nachtisch zu sich zu nehmen. Er schwärmte davon, wie gut er sich in dieser Zeit fühle und dass selbst sein Stuhlgang optimal funktionierte. Am besten aber sei, dass er abends und nachts besser sehe, schwarz und weiß klarer abgrenzen könne und einfach sicherer beim Autofahren sei.

Indikationen nach Monografien

Getrocknete Heidelbeeren

Die getrockneten Heidelbeeren erhielten eine Positivmonografie vom HMPC als traditionelles pflanzliches Arzneimittel, sie können innerlich bei leichten Durchfällen und bei leichten Entzündungen der Mundschleimhaut angewendet werden. Ebenso empfehlen ESCOP und die Kommission E die getrockneten Heidelbeeren bei unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen und ebenfalls äußerlich zur lokalen Therapie bei leichten Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut sowie von oberflächlichen Wunden.

Frische Heidelbeeren

Das HMPC hat frische Heidelbeeren als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft. Trockenextrakte daraus werden zu Fertigarzneimitteln verarbeitet und können innerlich bei Schmerzen und Schweregefühl in den Beinen im Zusammenhang mit leichten venösen Durchblutungsstörungen sowie zur Linderung der Symptome einer Hautkapillarfragilität angewendet werden (z.B. Besenreiser). Anthocyane aus frischen Heidelbeerfrüchten werden traditionell angewendet zur Vorbeugung von Nachtblindheit. Auch die ESCOP und WHO formulieren diese Anwendungsgebiete und ergänzen die Anwendung bei Mikro-Blutäderchen im Auge sowie bei peripherer Gefäßinsuffizienz. Die WHO erwähnt außerdem noch erfolgreiche volkstümliche Anwendungen der Heidelbeeren bei Grauem Star (Katarakt) und Kurzsichtigkeit, bei Dysmenorrhö, die mit prämenstruellem Syndrom einhergeht, bei Hämorrhoiden und als harntreibendes Mittel.

Heidelbeerblätter

Das HMPC hat die Bearbeitung von Heidelbeerblättern wegen unzureichender Datenlage eingestellt. Die Kommission E hat den Heidelbeerblättern ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis zugesprochen (Negativmonografie).

Indikationen nach Erfahrungsheilkunde

Volksheilkundlich werden auch die Blätter der Heidelbeeren verwendet. Heidelbeerblätter enthalten folgende wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe:

  • 5–10% Gerbstoffe, v.a. Arbutin
  • Flavonoide (Quercetin)
  • Iridoide
  • Kaffeesäurederivate, Salicylsäure
  • Vitamin C
  • Chrom, Mangan

 Heidelbeerblätter haben folgende Wirkungen:

  • desinfizieren Harnwege
  • helfen bei leichtem Durchfall
  • senken Cholesterin- und Triglyzeride
  • Blutreinigung

In der Volksmedizin nutzte man die Heidelbeerblätter gegen Durchfälle, Blasenschwäche, Blasen- und Harnwegsinfektionen, Husten und Magenbeschwerden. Auch zur Blutreinigung und bei Augenentzündungen wurde der Tee aufgebrüht. Bei Überdosierung und Dauergebrauch der Blätter kann es zu Nebenwirkungen kommen. Deswegen lehnt die Kommission E die Anwendung der Blätter ab.

Behandlungsempfehlung

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Tee aus Heidelbeerblättern

1–2 g fein geschnittene Heidelbeerblätter mit 150 ml siedendem Wasser übergießen und nach 5–10 Min. abgesiebent. Bei leichtem Durchfall hilft 3- bis 4-mal täglich 1 Tasse Heidelbeerblättertee.

Weitere überlieferte Anwendungen der Heidelbeerfrüchte: Bei Erbrechen können Heidelbeerfrüchte helfen, eine antiemetische Wirkung wird untersucht. Kuren mit frischen Beeren oder Heidelbeerkompott wurden für Erwachsene und Kinder angewendet um sie von Darmparasiten, Spul- und Madenwürmer zu befreien.

Beeren und Blätter wurden in Tees gegen Diabetes mellitus verwendet. Der Gehalt an Chrom und seine Wirkung auf die Bauchspeicheldrüse könnten dafür sprechen. Wissenschaftliche Belege für diese Anwendung gibt es nicht, die Erfahrung zeigt aber, dass sie bei nicht arzneipflichtigem Typ-2-Diabetes und entsprechender Ernährung durchaus hilfreich sein können.

Anwendung in anderen Therapiebereichen

Die homöopathische Anwendung der Heidelbeeren entspricht im weitesten Sinne den phytotherapeutischen Anwendungsgebieten.

Die spagyrische Essenz Vaccinium myrtillus wird begleitend eingesetzt bei Diabetes (hoher Gehalt an Chrom) und bei Durchfall

Prävention

Dieser blaue Farbstoff gelangt rasch ins Blut, macht vital und hält jung. Senioren sollten regelmäßig Heidelbeeren essen.

Wirkung auf die Psyche

Heidelbeeren bringen dem Gemüt Freude am Wald und an der Wildnis und verbinden kraftvoll mit der Erde und der Natur.

Dosis/Dosierung

Früchte: Tagesdosis 20–60 g. Erwachsene kauen einfach 2 EL der getrockneten Beeren gut durch.

Getrocknete Heidelbeeren: mehrmals täglich 1 Tasse frisch bereiteten Heidelbeerfrüchtetee trinken. Für Kinder mit Durchfall sind sie gut verträglich. Die können mehrmals täglich 10 g getrocknete Heidelbeeren kauen oder die zuvor in Wasser eingeweichten Beeren im Brei zu sich nehmen.

Merke

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Zur Verbesserung des Sehens bei Nacht ist nur die Einnahme von Fertigarzneimitteln mit standardisierten Extrakten empfehlenswert (Einzeldosen von 100 mg Anthocyanen).

Darreichungsformen und Zubereitungen

Behandlungsempfehlung

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Teezubereitung aus Heidelbeeren

2 EL (ca. 20 g) getrocknete und zerquetschte Heidelbeeren mit 250 ml kaltem Wasser ansetzen, zum Sieden erhitzen, 10 Min. köcheln lassen und noch heiß abseihen. 1- bis 3-mal täglich.

Bei Zahnfleischentzündungen mit dem schwarzblauen Tee mehrmals am Tag „Mundbäder“ nehmen. Bei Durchfall mehrmals am Tag 1 Becher trinken. Als Alternative kann der Tee auch durch zweistündiges Quellen in kaltem Wasser bereitet werden und schmeckt dann weniger nach Gerbstoffen

Merke

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Wichtig ist, dass die die wild wachsenden Heidelbeeren (V. myrtillus) nicht mit den im Lebensmittelhandel erhältlichen Kulturheidelbeeren verwechselt werden. Die eignen sich nicht als Heilpflanze, da die Anthocyane nur in der Schale, nicht aber im hellen Fruchtfleisch enthalten sind. Deswegen sollten immer getrocknete Beeren aus Apotheke oder Kräuterhandel oder Heidelbeer-Muttersaft verwendet werden.

Behandlungsempfehlung

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Fertigarzneimittel

Es gibt keine Fertigarzneimittel.           

Nebenwirkungen, Interaktionen, Kontraindikationen

  • Nebenwirkungen: Heidelbeerblätter: Bei längerer Einnahme von Heidelbeerblättern in hohen Dosen wurden in Tierversuchen Vergiftungserscheinungen beobachtet.
  • Interaktionen, Kontraindikationen: Es sind keine bekannt.